Diskussionsbeitrag: Stadtentwicklung

…anstelle eines Yachthafens [1], der für eine privilegierte Elite nutzbar ist und für den ein weiteres Stück grün in Frankfurt weichen musste, würde in der Lebuser Vorstadt ein Naturerholungszentrum entstehen, von dem jede*r profitiert. Natürlich ohne das umliegende Gebiet danach zu einer Gegend zu erklären, die im Nachhinein durch höheren Marktwert und Wohlfühlfaktor und damit verbunden steigenden Mieten wieder nur für einen privilegierten Teil der Bevölkerung bewohn- und deshalb direkt nutzbar ist. Nehmt auch den Bau eines Luxuseinkaufszentrums [2] an der Oderbrücke nicht einfach so hin, hinterfragt ihn. Birgt es vielleicht mehr Risiken, als dass es Nutzen bringen wird – bringt es die restlichen, übrig gebliebenen Einzelhandelsgeschäfte in der Magistrale in Gefahr? [3] Erhöhen im Konsumtaumel schwebende Menschen und das Abtauchen in eine vorübergehend zufriedenstellende Scheinwelt wirklich unsere Zufriedenheit? Würde nicht vielleicht die Umwandlung der Gegend um die Stadtbrücke in eine Kreativfläche, die für alle Menschen und Initiativen nutzbar ist, unsere Lebensqualität erhöhen? Oder eventuell doch ein internationaler Wochenmarkt mit frischem Obst und Gemüse und kulturellen Beiträgen?

Manchmal kommen wir um Abriss einfach nicht drum herum. Aber müssen deshalb halbe Stadtteile dem Erdboden gleichgemacht werden [4] und im gleichen Atemzuge die Innenstadt in einer Art und Weise aufgewertet werden, die die sozial schwächsten in unserer ohnehin von monetären Werten geprägten Gesellschaft einfach nicht mitdenkt, sondern ausschließt. [5] Eine Aufwertung, die auch zunehmend Einzelhändler*innen das Leben schwer macht, und die die Entwicklung in der Innenstadt mehr und mehr zahlungsstarken Privatinvestor*innen überlassen, die im Allgemeinen nicht nach der Meinung der Stadtbevölkerung fragen. [6] Wir denken, dass Lebensqualität in gemeinschaftlichem Handeln und Miteinander schneller wachsen kann – zu diesem Miteinander gehört auch das Mitdenken in irgendeiner Art und Weise sozial schwächer gestellter Menschen. Wie sonst sollte man geprägt von Existenzangst und Daseinszwängen eine Motivation dafür entwickeln, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen? In Frankfurt (O.), einem Ort, der im herrschenden System ohnehin viele berechtigterweise unzufriedene Menschen hervorbringt, ist diese Demotivation tagtäglich sichtbar. Diese äußert sich aber viel zu oft in offen zur Schau getragenem Rassismus und der Abwertung vermeintlich „anderer“ Menschen, um seine eigene, vermeintliche soziale Besserstellung aufgrund einer bestimmten Staatszugehörigkeit zu manifestieren. [7]

Das Lichtspieltheater der Jugend war ein kleiner Lichtblick. Viele Menschen aus Frankfurt (Oder), auch Menschen, die nicht unbedingt politische Ämter bekleiden, diskutierten zum Ende letzten Jahres lebhaft über die Zukunft des Lichtspieltheaters. Viele Ideen kamen zusammen, vom Café, über ein Retro-Kino bis hin zu einem Mehrgenerationenhaus war alles dabei. [8] Letztendlich wurde aber auch an der Diskussion dieses Objekts wieder sichtbar, dass eine starke Spaltung zwischen Menschen, die Politik machen und Menschen, für die vermeintlich Politik gemacht wird, existiert. Die Initiative um das Theater scheint noch nicht ganz eingeschlafen, jedoch scheint auch dieses Objekt wieder einmal zu einem Verwaltungsakt verkommen zu sein. [9] Könnte es anders laufen? Was wäre, wenn das Lichtspieltheater in die Hand der Stadt käme und diese die Gründung eines Bürger*innenkomitees anregen würde, das durch entsprechende Expert*innen unterstützt wird. Ein Komitee, das über die Zukunft des Lichtspieltheaters gemeinsam entscheidet. Schließlich gab es ja doch viele verschiedene Vorstellungen, was mit dem Lichtspieltheater geschehen könnte. Vor- und Nachteile aller Vorschläge sollten auch fernab von Profit- und Prestigeinteressen bewertet werden.

Lebensqualität wird nicht durch die verstärkte Durchsetzung von Kapitalinteressen erhöht. Ladet ALLE Nachbar*innen in euren Häusern und Straßen ein und schließt euch zu Straßengemeinschaften zusammen. Bestimmt selbst und gemeinsam, wie ihr euer näheres Lebensumfeld gestalten und verändern könnt. Vielleicht könnt ihr auch eure Häuser und Wohnungen als Hausvereine übernehmen – Lebensraum darf schließlich nicht länger eine Ware bleiben, die zu einem marktwirtschaftlichem Spekulationsobjekt verkommt. Wohnraum muss bezahlbar bleiben – auch für die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Ihr könntet eure Anliegen in die Stadtverordnetenversammlung tragen und verteidigen – mit Nachdruck und gemeinschaftlich. Wir wurden schließlich nicht dazu geboren, unser Leben von Stellvertreter*innen, zum Beispiel Wohnungsbaugesellschaften und Stadt, gestalten und verwalten zu lassen.

Unsere kleine Reise in die Utopie eines aus unserer Sicht für alle lebenswerteren Frankfurts kann im wahrsten Sinne sehr utopisch anmuten. Realistisch und nach (markt)wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, würden wir aber zu ähnlichen Schlüssen kommen: Mit mehr Mitbestimmung, Eigeninitiative und Selbstverwaltung einer Stadt von Bürger*innen für Bürger*innen kommt Frankfurt als Konsumstandort eine sekundäre Rolle zu – jedoch würden die Verwaltungskosten durch die Stadt in ebenso hohem Maße sinken. Was unser utopischer Ausflug nicht beantworten kann, ist die Frage, wie wir zu mehr Selbstbestimmung und Selbstverantwortung kommen. Wie wir von passiv verwalteten Bürger*innen zu aktiv handelnden Individuen werden, gesellschaftlicher Vereinzelung vorbeugen und eine merkliche Politikverdrossenheit in der Gesellschaft in selbstbestimmtes Handeln umwandeln. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir unsere Nachbar*innen einfach an die Hand nehmen könnten, zufrieden vor unsere Haustür in eine bunte, vielfältige Stadt treten könnten, in der auch unsere eigenen Vorstellungen, unsere eigenen Fähigkeiten und unser eigenes Können Platz gefunden haben? Das Konzept „Wir im Quartier“ bietet bereits einen guten Ansatz für solcherlei Projekte, wobei es noch wesentlich ausbaufähiger ist und die Beteiligung noch stark erhöht werden könnte. Es wurden in den letzten Jahren unzählige Konzepte entworfen und verworfen (kein Komma) die Kaufkraft in Frankfurt (Oder) zu erhöhen, um damit auf einen Weg zu Glück und Wohlstand zu gelangen. Das Scheitern sämtlicher Konzepte liegt nicht nur an der Stadtverwaltung, sondern an der allgemein verbreiteten Gleichsetzung des Kapitals als unhinterfragbaren Heilsbringer oder übermächtige Gottheit, die den Menschen irgendwann schon auf den Weg in ein zufriedenes Leben geleiten wird.
Wir denken, es ist Zeit, einen anderen Weg zu gehen – unzählige Beispiele auch über Frankfurt (Oder) hinaus beweisen das.

[1]http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1319113
[2]http://www.moz.de/details/dg/0/1/1361617/
[3]http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1132965
[4]http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1018154
[5]http://www.blickpunkt-brandenburg.de/nachrichten/frankfurt-oder/artikel/29542.html
[6]http://www.moz.de/heimat/lokalredaktionen/frankfurt-oder/artikel9/dg/0/1/1311289/
[7]http://www.blickpunkt-brandenburg.de/nachrichten/frankfurt-oder/artikel/30260/Altes+Kino+in+Licht+getaucht
[8]http://www.moz.de/heimat/lokalredaktionen/frankfurt-oder/artikel9/dg/0/1/1311289/
[9]http://www.moz.de/heimat/lokalredaktionen/frankfurt-oder/artikel9/dg/0/1/1344446/

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